Avalon

von MICHAELA STAUDT

1

Ihr Zimmer nicht gelüftet, die von ihr so genannte Absteige, wo noch alles so herumlag, wie beim letzten Mal, wo sie versprochen hatte, sie würde schön aufräumen. Sie hatte nicht aufgeräumt, steckte jetzt nur schnell einige Zettelchen, die auf der Kommode rechts an der Wand lagen, in einen Papiersack, der dort oben lag, und schob ihn wieder zwischen Kommode und Kasten.

Zuerst, wie auch sonst immer, kein Licht, das heißt: Licht nur vom Vorraum her, so daß nur ein langer Lichtspalt ins Zimmer fiel, direkt auf das ungemachte Bett, das sie heute Avalon nannte. Sie erklärte das so: dieses Apfelbettzeug, das ihr G. von irgendwoher aus Frankreich mitgebracht hatte, sei der Namensgeber!

Es fröstelte sie sofort. Er steckte den Heizlüfter an, und sie versuchte, ihn einzuschalten. Es ging nicht. Der Schalter war – ihr unerklärlich – auf einmal lose und fiel auf den Tisch. Sie drehte das Licht an – nur kurz!, sagte sie – und untersuchte den Heizlüfter ganz aus der Nähe. Es stand ein schwarzer Stift heraus, den er erst sah, nachdem er seine Brille aufgesetzt hatte. Mit der Hand war da nichts zu machen, daher die Frage nach einer Zange. Sie ging zur Kommode, hob das darübergebreitete Tuch in die Höhe und zog eine Lade heraus, in dem sich alles Mögliche befand: Werkzeug, Kerzen, Putzfetzen. Sie kramte ein wenig und fand tatsächlich eine Zange. Damit ließ sich der Stift drehen und Heizlüfter in Gang setzen.

Er sagte, er habe den Fotoapparat mitgenommen. Leider habe er vorher im Lokal nicht daran gedacht, seinen Plan auszuführen, nämlich von ihr an allen erinnerungswürdigen Orten Fotos zu machen, und zwar von schräg unten, immer so, daß dann auch ein Stück von Hintergrund zu sehen sein würde. Das zu üben wäre jetzt eine gute Gelegenheit.

Sie schaute ihn etwas ratlos an und sagte: Da dreh ich besser das Licht wieder aus. Ok, sagte er, dann eben mit Blitz. Die Übung – für später- besteht darin, daß du lernst, deine Hose schnell bis zu den Knien hinunterziehen, ebenso das Höschen. Bei einem Tanga kann ich mir das vorstellen, sagte sie. Aber ich trage heute ein Höschen mit Ansatz.

Er trat an sie heran, knöpfte die Hose auf und zog den Reißverschluß hinunter. Den Versuch, an der Hose zu ziehen, machte er nicht: es war eine dieser hautengen Jeans, die sie bevorzugte. Sie trug auch unter ihrem schwarzen Pullover nichts außer dem formenden BH. Ein Unterhemd würde ihre Haut reizen, da nahm sie erotiksexpartnerblog&ip=auto“>sexr wechselkalte Glieder in Kauf.

Er ging mit dem Fotoapparat in die Knie, sah, wie sich der orange Suchstrahl genau zwischen ihre Beine richtete und blitzte sie mehrmals an. Sie wollte gleich das Ergebnis sehen, und er schaltete den Monitor ein. Man sah – ziemlich überbelichtet – ihren Unterleib; in der Mitte eine rosarote Scham, aus dem eine weiße Schlaufe heraushing.

Er sagte: Das war nur ein Versuch. Und jetzt bei Licht. Er kniete sich vor sie hin, richtete das Objektiv in Richtung Hügel und drückte einige Mal ab. Zwei Fotos waren akzeptabel, der Hügel eine beherrschende Erscheinung, mehr als in Wirklichkeit. Sie hatte sich weit vorgebeugt, so weit, daß ihn der Schatten, da das Licht von der Decke kam, so mächtig erscheinen ließ.

Sie probierten dann einige Kombinationen mit Hügel durch, nachdem er angedeutet hatte, sie könnte jetzt beginnen, sich auszuziehen, wenn möglich im Wärmestrahl des Heizlüfters. Kein flacher Hügel, kein kleiner Hügel, kein niedriger Hügel, aber sanft geschwungen. Collina, collinoso. Monticule, montículo. Buchenhügel, Eichenhügel, Fichtenhügel, Palmenhügel usw. Hügelkuppe, Hügelgrab. Hügel, sagte sie, hat sich durch Luther gegen Bühel durchgesetzt.

Als er vom Klo zurückkam, war sie schon in Avalon verschwunden, unter der Decke, auf der Insel der Apfelbäume, wie sie sagte, völlig nackt. Sie kuschelte sich gleich an ihn, streichelte ihn am Rücken und zerrte an seinem Unterhemd. Er begann, sie zu küssen, von oben her, ließ sie tun, öffnete den Mund und wartete zu, stieß schließlich mit zunehmender Heftigkeit vor, um ihre Zunge breitzudrücken und sie so zu fixieren. Sie hielt dagegen, begann zu lachen, und er hob den Kopf.

Er habe, sagte er, in einer Talkshow, gehört, wie entscheidend ein Kuß sein kann. Die Talkmasterin wollte genau wissen, ob die Frau den Mund geöffnet hatte und die Zunge im Spiel war. Damit nicht genug: ob der Mann mit seiner Zunge eingedrungen war, und – wenn ja – wie weit: nur einen Zentimeter, zwei, drei oder so weit wie möglich. Und wie dann die Frau mit ihrer Zunge reagiert hatte. Ob es also zu einem Mit- oder Zusammenspiel gekommen sei; oder ob sie, kaum habe sie die Zunge des Mannes zwischen ihren zusammengepreßten Lippen gespürt, zurückgewichen und ihn zurückgewiesen habe. Im betreffenden Fall war die Frage, ob ein Ehebruch schon damit beginne, daß die Frau – auch wenn sie sonst passiv bleibt – die Lippen öffne, also dem Mann Zungenaktivitäten in ihrem Mundraum gestatte. Nicht einmal ein Zentimeter sei erlaubt, so die Meinung der Mehrheit. Dabei ging es nicht darum, ob der Zungenküsser – der beste Freund des Betroffenen – die treibende Kraft gewesen war oder nicht. Entscheidend war nur, daß die Frau – vielleicht nur in einem erschrockenen Reflex – den Mund leicht geöffnet und dem Mann die Chance gegeben hatte, ein- und weiter vorzudringen.

Durch diese Andeutung animiert – und auch weil sie über dem Leintuch sorgfältig ein zusammengeknüllt auf der Kommode gelegenes größeres Handtuch quer im Bett ausgebreitet hatte (auch weil er durch das Streicheln und Kneten ihres Rückens und ihrer kalten Hinterbacken in Fahrt geraten war) – fragte er sie, wozu sie denn heute bereit sei. Und sie: Das überlasse sie ganz ihm. Und er: Aber sie müsse doch wissen, worauf sie Lust habe. Und sie: Innen sei sie wohl noch bräunlich bis schwärzlich, davor ekle er sich vielleicht. Und er: Ob sie denn bisher in irgendeiner Situation bei ihm Ekel bemerkt habe?

2

Er erinnerte sich gern daran, daß sie sich manchmal selbst berührt hatte. Er versuchte, sie dazu jetzt zu verlocken, indem er seinen Kopf ihrer Mitte zuwandte und den vorhandenen Speichel hinunterrinnen ließ. Er sagte, er würde sich den weiteren Spuckvorrat aus ihren Brüsten holen, ohne dabei besonders Rücksicht darauf zu nehmen, ob nicht auch die Zähne ins Spiel kommen. Er umfaßte ihre linke, ihm nähere Brust und begann zu saugen und sie behutsam zwischen den Zähnen einzuklemmen. Dann spuckte er ihr den so gesammelten Speichel immer wieder zwischen die Beine, indem er sich ganz nah an das ihm dunkel erscheinende Haarbüschel hinunterbeugte und sich dessen mit einem immer lauteren Geräusch entledigte. Einmal berührte er mit seinem Kinn ihren Hügel und sagte: Du schwimmst da unten!

Wie meistens wußte sie – in einer solchen Situation – mit ihren Händen wenig anzufangen. Ihre Rechte hatte sie angewinkelt bei ihrem Schlüsselbein liegen, die Linke ausgestreckt neben der Wand. Die nahm er, zog sie über den Körper, hin zu den Schenkeln, schob sie ein Stück nach oben und bog den Zeigefinger so ab, daß er sich genau an der richtigen Stelle befand und sagte: Du kannst anfangen! Und sie: Woher willst du wissen, daß ich das will?

Anstelle einer Antwort drückte er jeden Finger ein Stück hinunter und bewegte ihn ein paar Mal auf und ab. Schließlich begann sie selbst, mit dem Zeigefinger zu kreisen, und er zog sich wieder auf seine Speichelsammel- und -ausspucktätigkeit zurück. Er merkte schnell, wie sein Mund trocken wurde. Es half, sie zwischendurch zu küssen und sich ihren Speichel zuzuführen, um ihr dann die Situation zwischen den Beinen zu erleichtern.

Er kam immer mehr außer Atem. Dabei stellte er sich eine Annäherung an eine Ohnmacht durch ein Überangebot an Sauerstoff vor – und zwar aus ihrer Nase -, ohne zu bedenken, daß er mit jedem Atemzug vor allem ihr Kohlenmonoxid einatmete. Trotzdem trat der gewünschte Effekt ein: ihn schwindelte, und er näherte sich der Grenze, wo er wie von selbst die Beherrschung verlor.

Er war – nicht nur in dieser Situation, so seine Konstruktion – der Geber, sie die Nehmerin. Aber jetzt mußte sie gefragt werden, sie sollte über alles bestimmen! Das entsprach ganz der puren Narzißtin, als die sie sich gern definierte. Aber was würde er fordern, wäre er der pure Narziß?

Das anzudeuten, gelang ihm erst später: als er dachte, sie habe sich, nun schon eine Weile durch seine Spucktätigkeit befeuert, selbst um Verstärkung ihrer Lust bemüht, ohne daß er Anzeichen entdecken konnte, daß sie über ein mittleres Stadium hinwegkam. Da entschloß er sich, Einbildungskraft und Erinnerung einzusetzen. Sein erster Gedanke betraf die Flüssigkeitszufuhr. Eine solche hatte sie schon einmal zum Ziel gebracht; ebenso die Vervielfachung von fabulierten Männern und vor allem ihrer Geschlechtsteile. Das Maximum war bisher eine Verdoppelung – vielleicht Vervierfachung – gewesen. Doch er hatte danach nicht erfahren, ob das den Ausschlag gegeben hatte.

Er erinnerte sich in diesem Moment an eine Erzählung von ihr. Darin war die riesige Skulptur einer Frau vorgekommen, und zwar aus Schokolade. Die setzte er jetzt ein, um schlecken und rinnen aussprechen zu könnten. Dabei gab er den in seiner Phantasie anwesenden Männern und Frauen die Kraft, diese Skulptur nur mittels konzentrierten Blicken zum langsamen Schmelzen bringen zu können. Diesen Schmerzvorgang stellte er sich als höchst erotisch vor, Schokoladeschweiß, der dieser Schokoladefigur aus allen Poren rann und sie zugleich langsam dahinschmelzen ließ. Dazu trug aber auch bei, daß sich das Publikum an der Verringerung der Schokolademasse beteiligte, indem es die schmelzende Schokolade in sich hineinschleckte. Jede anwesende Frau und jeder anwesende Mann nahm sich seinen Anteil von der schmelzenden Schokoladefrau und trug zu ihrem langsamen Verschwinden bei.

Währenddessen tauchte folgendes Bild in seinem Kopf auf: alle Männer entblößten sich und stießen ihre Schwänze in die zerfließende Frauenfigur. Und die anwesenden Frauen schleckten blitzschnell die Schokolade von den Männerschwänzen ab und gaben ihnen damit die Möglichkeit, ihre Schwänze neuerlich in den heißen Schokoladeleib zu bohren usw., usf.

Diese Erinnerung brachte er jetzt der neben ihm Liegenden zu Ohren: atemlos, dazwischen immer noch zwischen ihrem Mund und den sich behende bewegenden Fingern hin- und herpendelnd. Das hörte auf einmal auf. Sie sagte: Ab einem gewissen Zeitpunkt möcht ich etwas Festes in mir spüren. Und er: Aber ich hab dein Wort Ekel so aufgefaßt, daß es einem Verbot gleichkommt, in dich einzudringen. Sie schwieg und lächelte.

Lustgespinst – das Erotik-Blog aus Lust und Leidenschaft
http://www.lustgespinst.de/2006/09/15/avalon/

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