Swingerclubs, Polyamorie und weibliche Ergüsse

Ein Erlebnisbericht vom 8. Erotischen Salon am 26.Oktober, Berlin

Endlich hab’ ich es geschafft, mal den von Silke Maschinger und Enno E. Peter veranstalteten Erotischen Salon zu besuchen! Dabei hatte ich durchaus Berührungsängste: Ich gehe ungern irgendwohin, wo man sich “aufbretzeln” muss, doch war DIESE Sorge zum Glück unbegründet. In schwarzen Jeans, Sweatshirt und dunklem Blazer lag ich ganz auf der Linie der Moderatoren, und auch im Publikum – Menschen zwischen dreißig und siebzig – sah man keine explizit erotischen bzw. frivolen Kostümierungen. Dadurch hatte die Veranstaltung nicht ansatzweise Anklänge an die Ästhetik des Rotlicht-Milieus, die ich befürchtet hatte.

Mit meinem Begleiter fand ich einen wunderbaren Platz auf einem leicht erhöht stehenden Sofa in der Ecke des SODA-Salons, von dem aus wir einen unverstellbaren Blick auf das Geschehen hatten. Das dann auch nicht lange auf sich warten ließ: etwa viertel nach acht begrüßten Enno und Silke sehr charmant die Gäste zu den Klängen von James Browns “Sex Machine”. Dann ging es es sogleich zur Sache:

Swingen ohne Badelatschen

Unter dem provozierenden Titel “Swingerclubs: Sex in Badelatschen?” stand René Geissler, der Betreiber des Swingerclubs Schloss Milkersdorf (Spreewald) Rede und Antwort zu einem Thema, das viele interessiert, die – genau wie ich – meilenweit davon entfernt sind, sich tatsächlich in ein solches Etablissement zu wagen. Bis jetzt jedenfalls. Denn was René erzählte, wich ab vom gängigen Klischee: seine Gäste sollen und dürfen in den Schloss-Räumen in Abendkleidung verkehren… hüstel, nun ja, mit Ausnahme einer Suite, die ausschließlich nackt bzw. in Dessous betreten werden darf. Das allseits bekannte Motto “alles kann, nichts muss” ist ernst gemeint: wer mag, kann diesen Raum links liegen lassen und an der Bar, im Restaurant und im Kaminzimmer “eine gute Zeit” verbringen. Von Enno gefragt, wie er dazu gekommen sei, einen Swingerclub zu eröffnen, antwortete René ohne Zögern: “Das hab ich mir schon als Kind gewünscht” – ganz im selben Ton als gehe es um den Wunsch, Förster oder Lokführer zu werden. Wer noch nicht in Stimmung war, lachte sich jetzt hinein!

Die Geschichte, wie er ein 250-Seelen-Dorf in Brandenburg dazu bewegte, ein solches Etablissement im vom Verfall bedrohten Herrenhaus, dem ehemaligen sozialen Zentrum der Gemeinde, zu akzeptieren, nötigte mir einigen Respekt ab. Das Dorf darf die Räumlichkeiten sogar für eigene Versammlungen nutzen, allerdings nicht samstags, wenn René ein internationales Publikum im Schloss versammelt und “Themenpartys” (Beispiel: Die Nacht der weiblichen Lust) veranstaltet. Da kein Hotelbetrieb angeschlossen ist, empfiehlt sich das “Rundum-sorglos-Angebot”: 4-Sterne-Hotel in Cottbus, Shuttle und Eintritt im Schloß für 180,- € pro Paar – soviel zahlt man anderswo schon ganz ohne “swingen”!

Ob ich mich nun mal dahin traue? Persönlich träume ich eigentlich eher von einem Club, der mehr wie eine Wellness- und Saunalandschaft aussieht. Also nicht nur “auch eine Sauna” hat, sondern Bio- und Aufguss-Sauna, dazu Dampfbad, Pool, Wirlpool und allerlei erotisch nutzbare Erweiterungen wie Massageliegen, Wasserbetten, Spielgeräte (z.B. Liebesschaukel, Fesselwand etc.). Das wär mal was ganz anderes! Im Grunde könnte man das BLUB in Neukölln so umnutzen, das sowieso dringlich einen neuen Betreiber nötig hätte! Warum es so was wie “schwule Saunas” gibt, jedoch nichts Vergleichbares für Heteros, frag ich mich ja lange schon.

Zwischen G-Punkt und A-Punkt

Aber zurück zum erotischen Salon: Als nächste Gesprächspartnerin nahm die Ärztin und Künstlerin Christina Wons auf dem Sofa platz, die über das – wie sie behauptet – tabuisierte Phänomen der “weiblichen Ejakulation” berichtete. Seit sie ihre erste Ejakulation hatte, war sie so begeistert von ihrer Entdeckung, dass sie anfing mit den Säften zu malen: Bilder mit Acrylfarben und Ejakulaten, tituliert als “Weibliche Markierungen”. Bis zu 1 1/2 Liter sollen Frauen beim Orgasmus abspritzen, verkündete Wons mit Stolz. Es klingt, als hätte der Teufelsberg im Grunewald entgegen allen Erwartungen Lava gespuckt und man müsse ihn nun endlich auch als Vulkan anerkennen! Der “medizinische Ernst einer therapeutischen Mission”, wie es das TAZ-Blog formulierte, umgab die Künstlerin auch hier. Wons ist zwar Medizinerin, doch gelang es ihr nicht, tatsächlich wissenschaftlich Fundiertes zum behaupteten Vorgang zu Gehör zu bringen: sie habe sich viel mit embrionaler Entwicklung befasst, meinte sie, und erwähnte wiederholt allerlei Drüsengeflechte, die auch bei der Frau als eine Art “weibliche Prostata” funktionieren sollen. Und: Es sammle sich halt sehr viel Flüssigkeit, wenn die Frau auf die richtige Weise erregt würde, was man in einem ihrer Workshops (=ausschließlich für Frauen!) lernen könne.

Wie sie so da saß und mit dem Mittelfinger in die Luft zeigte, während sie mit dem Publikum diskutierte, wo die Stimulation zwischen G-Punkt und A-Punkt richtig platziert werde, entglitt mir so langsam der nötige Ernst, ich geb’ es zu. Auch der emanzipative Gestus wollte mir nicht einleuchten: ist es denn etwas, worauf frau stolz sein kann, wenn sie beim Orgasmus zwei Liter Flüssigkeit verspritzt??? Das würde ja bedeuten, den Höhepunkt nur noch auf dem Latexlaken oder in der Wanne riskieren zu können! Na, mir reichen meine altmodischen Standard-Orgasmen – und ehrlich gesagt, glaub’ ich diese Story nicht. Es handelt sich aus meiner Sicht allermeist um spontanes Urinieren aufgrund großer Entspannung. Das passiert so mancher Frau mal, ohne dass es gleich zum Programm für ein erfüllteres Frauenleben überhöht werden muss.

Alkoholfrei? Fehlanzeige!

In der nun folgenden Pause versorgten sich alle an der Bar mit neuen Getränken. Leider gab es kein alkoholfreies Bier, das nicht nur von mir gewünscht wurde. Und das in einer der angesagtesten Locations der Stadt, zu denen die Lokale der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg ohne Frage zählen! Dafür gibt’s klare Minuspunkte für den SODA-Salon – den sanften Druck zum Saufen allüberall finde ich einfach nicht mehr zeitgemäß.

Mehrere Partner – warum eigentlich nicht?

Der gewöhnungsbedürftige Begriff Polyamorie bedeutet “Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit mit vollem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner”. Geht das wirklich – und wie? Zur Beantworten dieser spannenden Frage waren Rainer und Karin erschienen, die Veranstalter des Berliner Polyamorie-Stammtisches. Seit vielen Jahren leben sie Mehrfachbeziehungen, eine Lebensform, die sie in den 80ger-Jahren in einem ideologischeren Kontext kennen lernten, den sie jedoch nicht explizit benannten. Ob meine Vermutung stimmt, weiß ich nicht, doch erinnerten mich die Details, die sie erwähnten (Ablehnung der Kleinfamilienstruktur, Reichianische Konzepte, Sex auch mit Partnern, die man nicht begehrt) an die AAO-Kommune von Otto Mühl und ihre Nachfolgeorganisationen. Wie auch immer, Rainer und Karin hatten sich aus diesen Zusammenhängen gelöst und leben seitdem als “frei schwebende” polyamore Partnerschaft: Karin liebt zwei “Ehemänner”, einen in Hamburg, einen in Berlin und dazu noch eine Freundin. Rainer hat neben Karin noch Beziehungen zu drei weiteren Frauen. Dass es da manchmal schwierig wird mit der Terminabstimmung, liegt auf der Hand. All diese zusätzlichen Geliebten sind auch ihrerseits nicht allein, sondern haben ebenfalls mehrere Partner – klar, denn wer will schon auf Dauer alleine bleiben, wenn der Geliebte öfter anderweitig beschäftigt ist?

Was die beiden über ihre Freuden und Leiden im Rahmen ihrer Mehrfachbeziehungen berichteten, hat mir gefallen. Der Meinung, dass Eifersucht ein Gefühl ist, das man eher wie eine unvermeidliche Macke ansehen sollte, anstatt es zur Leitlinie des Handelns zu machen, schließe ich mich lange schon an. Bin ich eifersüchtig, ist das MEIN Problem und das darf es auch sein, doch berechtigt mich das nicht, meinem Partner das Leben zur Hölle zu machen. Liebe lässt frei und baut keine Käfige – an dieser Utopie halte ich fest und freue mich über Menschen wie Rainer und Karin, die das ähnlich sehen.

Und doch: So viele, beständige und intensive Partnerschaften wären mir ein wenig zu anstrengend! Insbesondere, wenn sie häufige Ortswechsel erfordern. So mobil will ich einfach nicht sein, es gibt ja auch noch anderes im Leben als Liebe, Lust und Leidenschaft. Bin halt eher eine Einsiedlerin, die gerne mal Besuch bekommt – Besuch, der sich gegenseitig nicht zwangsläufig in die Quere kommen muss, bei aller Offenheit, dass es ihn gibt.

Zum Nachtisch SM literarisch

Der 8. Erotische Salon hat mich gut unterhalten, amüsiert und inspiriert. Zum Abschluss des Abends trug der Autor Leander Sukov zusammen mit seiner Freundin Julietta einige seiner skurrilen SM-Geschichten vor. Hörenswert, provozierend, ein wortgewaltiger Einblick ins sadomasochistische Lust-Erleben, wie man ihn nicht überall bekommt, wo “Sadomaso” Erwähnung findet, weil es grade “angesagt” ist.

Erotik-Läden für Frauen?

Den nächsten erotischen Salon werde ich nicht auslassen. Dank des Sponsors “Mae B.” ist der Fortbestand der Veranstaltung zum Glück fürs erste gesichert. Mit Mae B. inszeniert Beate Uhse ein neues Shop-Konzept für Frauen, die die üblichen Erotik-Shops ja eher meiden. An den ausliegenden Flyern konnte ich das allerdings nicht gleich erkennen: Mein Liebster und ich hatten zuerst geglaubt, es handle sich um eine neue Erotik-Bar oder einen Swinger-Club, der gleichzeitig Kosmetik-Behandlungen und “Dessous zum mitnehmen” anbietet. So kann man sich irren, doch nun weiß ich ja Bescheid! Wenn ich wieder mal zu KARSTADT Hermannplatz komme, schau ich mir den Shop an. Erotik für Frauen ansprechend zu präsentieren, ist ja nicht eben einfach!

Mit dem EROTISCHEN SALON ist es auf jeden Fall gelungen, ohne dass es deshalb für Männer langweilig gewesen wäre – ich freu mich aufs nächste Mal!

*

Der 9. Erotische Salon findet am 28. November 2006 statt.

Lustgespinst – das Erotik-Blog aus Lust und Leidenschaft
http://www.lustgespinst.de/2006/10/30/swingerclubs-polyamorie-und-weibliche-erguesse/

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